Sonntag, 7. April 2013

Gamers Holiday: Rollenspiel-Urlaub mit Freunden

Spielerische Unordnung im Urlaub
Für wenig Geld mit Freunden Urlaub machen und dabei eine ganze Woche rollenspielen - das Konzept ist simpel genug. Dreimal haben wir solche konzentrierten Privat-Cons durchgeführt und jedesmal habe ich neue Erfahrungen mitgenommen: zu Planung und Chaos, zu Freundschaften und Konflikten, zu Kampagnen mit mehreren Spielleitern und Runden mit 8 Spielern.

Unser erster Gamers Holiday fand im April 2011 mit 11 Leuten in Dänemark statt. Der zweite Urlaub folgte bereits zu Sylvester 2011/12 in Rügen mit 9 Personen. Bis zum dritten Anlauf Sylvester 2012/13 in Holland (10 Leute) verstrich mehr Zeit und der vierte Gamers Holiday wird wohl erst 2014 stattfinden. Ich bezweifle, dass die wachsenden Abstände eine Aussage über sinkende Akzeptanz macht - manchmal sind ein Dutzend Terminkalender einfach nicht unter einen Hut zu bringen.
In allen Fällen hatten wir uns ein größeres Ferienhaus geteilt, um - abgesehen von parallelen Spielrunden - keine festen Untergruppen zu bilden. Alle haben sich etwas um Ordnung und Sauberkeit bemüht, was gerade bei raumgreifenden Einsatz von Regelwerken, Miniaturen und Battlemaps unbedingt notwendig ist. Es hat sich bewährt, schon im Voraus für jeden Tag zwei Personen einzuteilen, die dann verantwortlich für die Küche und den zugehörigen Einkauf waren. Den restlichen Urlaub war man dann von lästigen Hausarbeiten verschont - freundschaftliche Unterstützung der Küchencrew war natürlich trotzdem möglich. Um Stress und Auseinandersetzungen am Abreisetag zu vermeiden, haben wir in jedem Fall die Endreinigung dem Vermieter überlassen. Die zusätzlichen Kosten teilen sich bei ca. 10 Leuten auf nicht nennenswerte Beträge und sind gut investiert.

Vorbereitung organisieren

Wer und wann sollte am Anfang aller Überlegungen stehen. Die beiden Fragen gehen Hand in Hand, denn wir hatten immer zunächst eine "Kernmannschaft", die einen gemeinsamen Termin finden musste und dann abhängig von schon vorhandenen Planungen schrumpfte oder anwuchs.
Als ich die Idee zum Gamers' Holiday aufgebracht hatte, hatte ich das Reiseziel ziemlich einseitig festgelegt. Wie sich später herausstellen sollte, war es nicht die beste Wahl, von Wiesbaden bis fast an die Nordspitze Dänemarks zu fahren, aber für den ersten Anlauf war es ganz nützlich, nur über verschiedene Ferienhäuser und nicht noch über verschiedene Regionen zu diskutieren.
Gesprochen wurde phasenweise regelmäßig, sobald sich einzelne Teilnehmer zum Rollenspiel oder aus anderen Gründen trafen. Dann war das Thema wieder völlig nebensächlich. Um den Überblick zu behalten und weil ein Teil der Informationen (Ferienhäuser, Umgebungstipps) ohnehin online abrufbar waren, ist eine nachlesbare Online-Diskussion hilfreich - zumindest für die wichtigsten Informationen und Entscheidungsfindungen. Wir hatten per Facebook-Gruppe Links zu Ferienhäusern gepostet und bewertet, heute würde ich eine Google-Community bevorzugen. Welche Technik die beste ist, dürfte in erster Linie vom beteiligten Personenkreis und dessen Gewohnheiten abhängen. Jedenfalls hilft es, wenn man mal nachgucken kann, wer welche Meinung hat und wer sich vielleicht noch nicht geäußert hat.
Ich empfehle, dass irgendwer ausdrücklich die Federführung bei der Planung übernimmt. Das heißt nicht, dass diese Person mehr entscheiden dürfte als der Rest, aber irgendwer sollte Entscheidungen der Gruppe auch einfordern, sonst diskutiert man mitunter endlos vor sich in. Bei uns hat die selbe Person schließlich auch die Ferienwohnung gemietet und sich um die Finanzen gekümmert. Das muss sicher nicht so sein, aber beides ergänzt sich ganz gut. Man kann die Gruppe mit den niederen Notwendigkeiten einer Buchung durchaus zu Entscheidungen motivieren, die sich sonst noch hingezogen haben, und wer ohnehin die Diskussion organisiert, wird leicht auch das Geld einsammeln und verwalten dürfen.

Frühzeitig über Geld reden

Geld spielt eine zentrale Rolle. Was darf das Ferienhaus kosten? Wie teuer wird die Anfahrt? Wieviel kann jeder für Verpflegung ausgegeben? Was zahlt man zusammen, was getrennt? Wie genau wird abgerechnet? Wo ist man großzügig? Gibt es Rückzahlungen, wenn jemand absagt?
Die erste Ausgabe ist die Miete für das Ferienhaus. Auch wenn meist erst eine Anzahlung fällig wird, haben wir immer gleich die ganze Mietzahlung unter uns abgerechnet. Wer die Buchung und den Geldtransfer übernimmt, sollte nicht noch das finanzielle Risiko tragen.
Der nächste Kostenblock ist der Transfer. Sicherlich kann man es jedem selbst überlassen, seine Anreise zu organisieren. Wir haben allerdings die Teilnehmer auf möglichst wenig Autos verteilt und die Benzinkosten umgelegt. Um Debatten zu vermeiden, wer in sparsamen Autos und wer in Spritschleudern fahren darf, haben wir alle Reisekosten sozialisiert: jede Tankrechnung und jedes Bahnticket wurde gleichmäßig auf alle umgelegt. Das kann gefallen oder nicht - für uns funktioniert's.
Tatsächlich sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben auch alle Einkäufe so verteilt. Wer es nachmachen will, sollte aber frühzeitig ansprechen, wo die Grenzen sind. Während Essenszutaten und Milch relativ leicht als Gemeinkosten akzeptiert wurden, waren wir bei Kaffee in einem Urlaub geteilter Meinung und Alkohol war in jedem Fall Privatvergnügen.

Spielkonzepte für den Urlaub

Belohnungen für die Kultisten des Unglücks. 
Zum ersten Gamers Holiday hatten wir uns gleich ein Großprojekt vorgenommen. 9 Spieler sollten in zwei Gruppen als Anhänger eines nicht ganz ernst zu nehmenden Beshaba-Kultes ein Hafendorf ins Verderben stürzen, um selbst für immer vom Unglück befreit zu werden. Das D&D4-Spiel war verteilt auf drei Tage für mindestens 24 Stunden realer Zeit ausgelegt. Die Gruppen durften sich bei Bedarf neu mischen und gegenseitig informieren. Im Finale kämpfte der Kult auf zwei getrennten Dächern gegen Paladine, wobei das Geschehen des einen Kampfes Einfluss auf den Verlauf des anderen hatte.
Um ehrlich zu sein, es war eine wundervolle, beeindruckende, mitreißende Tortur. Ich hatte bereits Monate vorher Spaß daran, denn Matt Hirte und ich haben das Dorf im Google Drive ausgearbeitet und zum Teil gleichzeitig an Passagen gearbeitet. Ich habe nie zuvor einen so befruchtenden und ergiebigen kreativen Prozess erlebt. Der Endstand des Spielmaterials hat 150 Druckseiten umfasst und war in vielen Bereichen doch nur eine Stichpunktsammlung. Die Spieler haben auf dieser Basis ähnlich facettenreich weiterentwickelt und mit kuriosem Jahrmarktsunheil und einem spontan improvisierten Beshaba-Ritualgesang den Kult mit Leben gefüllt.
Diese Dynamik hatte aber auch leichte Schattenseiten. Den Bossfight wie geplant über zwei Spieltische hinweg abzustimmen, war zumindest für mich anstrengender als erwartet. Und als an meinem Tisch, die Vorbereitungen für das finstere Ritual ins Stocken kamen, fühlte die andere Gruppe den eigenen Erfolg gefährdet und Leistungsdruck lag in der Luft. Den Auslöser im Spiel hätte ich vorhersehen und vermeiden können - die Rückkopplung eines gemeinsamen Ziels an zwei Tischen war mir damals ohne Vergleichsmaßstäbe nicht bewusst. Das Problem war lösbar. Den Stress würde ich aber heute allen ersparen und das Wohl beider Gruppen weniger eng verknüpfen.

Den zweiten Gamers Holiday hatten wir daher einfacher aufgesetzt. Wir spielten recht häufig abgeschlossene Shadowrun-Aufträge, die alle in Denver angesiedelt waren und so Berührungspunkte hatten, ohne fest verzahnt zu sein. Spielercharaktere riefen sich gegenseitig per Comlink an, um Rat oder Unterstützung zu erbitten. Der Austausch von Entwicklungen und Anekdoten zog sich vom Spiel bis in das gemeinsame Essen hinein. Der Vorschlag, mit versammelter Runner-Mannschaft in den Dschungel zu reisen, wurde begeistert aufgenommen. Nach einem Tag stellte sich heraus, dass acht Spieler deutlich mehr Zeit beanspruchen als eine gewöhnliche Spielrunde. Kein Problem, wir waren ja im Urlaub. Damit jeder seine Face-Time bekam, wurde parallel eine Menge Tower Defense gespielt. Nach dem zweiten Tag war das Ende des Auftrags allerdings immer noch nicht in Sicht. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlängerten wir um einen dritten Tag Spielzeit.

Im Gamers Holiday Nr. 3 sollte sich das nicht wiederholen. Zwar gab es wieder ein gemeinsames Abenteuer an zwei Tischen, aber ohne gegenseitige Verpflichtungen und mit einem Zeitrahmen, der selbst bei deutlichem Ausdehnen nicht mehr als einen Tag beanspruchte. Dadurch konnten auch mehr Spiele und Spielwelten bedient werden als in den vorigen Urlauben. Neben Rollenspielen in verschiedenen Systemen, kamen vermehrt auch Karten- und Brettspiele zum Zug. Dank dieser Freiräume fiel dann auch das erste Mal die Umgebung nennenswert ins Gewicht. Holland im Winter war nicht sonderlich abwechslungsreich.

Beim nächsten Mal werden wir mehr Wert auf eine ansprechende Umgebung legen und die Zeit nicht nur zum Spielen verwenden. Ich bin sicher, es wird trotzdem überdurchschnittlich viel gezockt werden.

Empfehlungen für Nachmacher


  • Am allerwichtigsten sind die Menschen, mit denen man sich für eine Woche wegschließt. Für einen Spielabend zuhause oder auf einem Con genügt es, einige Stunden miteinander verbringen zu können. Im Urlaub ist man vom Aufstehen bis zum Schlafengehen zusammen und teilweise auch aufeinander angewiesen. Das kann Reibungsflächen bieten und den Freunden, die man dazu mitnimmt, sollte man genügend Vertrauen schenken (können), das auszuhalten. [Danke, Leute. Jederzeit wieder!]
  • Über Geld und wieviel man davon ausgeben kann oder will muss offen gesprochen werden. Es muss klar sein, was wie abgerechnet wird.
  • Bei der Wahl der Unterkunft spielt die Anzahl der Schlafräume und ihre Kompatibilität zur Verteilung von Singles und Pärchen eine ebenso wichtige Rolle, wie die Möglichkeit mehr als eine Spielrunde abzuhalten. Zwei Tische mit angenehmen Sitzmöglichkeiten sollten möglichst akustisch von einander getrennt sein. Im besten Fall ist zumindest eine Spielgelegenheit von den Schlafräumen weit genug entfernt. Küche und Küchenausstattung sollten angemessen ausgestattet sein.
  • Die Entfernung vom Wohnort sollte groß genug sein, damit man nicht zwischendrin zuhause vorbeischaut, und nah genug, dass die Fahrt keine Tortur wird. Für uns haben sich zwei bis drei Stunden Fahrtzeit als sehr angenehm herausgestellt.
  • Die Urlaubsvorbereitungen sollten von jemandem koordiniert werden. Sonst drehen sich Entscheidungsfindungen potenziell im Kreis und am Ende hat jeder Kaffeepads dabei, aber niemand eine Maschine.
  • Eine grobe Planung, was wann gespielt wird, erleichtert die Vorbereitung. Zu straff organisierte Pläne können anstrengend werden. Fahren genug Leute mit für gleichzeitig stattfindende Runden? Welche Kombinationsmöglichkeiten bleiben? Kann man auch mal auf Spielen verzichten oder wird jeder Spieler gebraucht? Sind genügend Spielleiter dabei?