Montag, 9. Januar 2012

Reingelegt! - Lüge und Täuschung am Spieltisch

In diesem Monat widmet sich der Karneval der Rollenspielblogs den Themen Verkleiden, Lügen, Täuschen. Die Beiträge beschäftigen sich damit, “wie man mit Worten, Taten, Körpersprache oder Kleidung etwas so darstellen kann, wie es nicht ist.”
Mich interessiert mehr die Grenze zwischen Täuschung und Spielrealität. Wenn dem Spielleiter die Darstellung einer fiktiven Welt glaubhaft gelingt, ist es dann nicht fiktive Wirklichkeit? Wie unterscheidet man Realität und Täuschung überhaupt in einer virtuellen Umgebung?

Was Rollenspieler tun und was Schauspieler tun, hat viele Unterschiede, aber auch viele Überschneidungen. Ein Schauspieler auf der Bühne verhält sich entsprechend seiner Rolle, verlässt er die Bühne fällt er aus der Rolle und verhält sich anders. Soziologie nutzen dieses Theater-Gleichnis, um nicht nur das Auftreten von Pressesprechern, Künstlern, Politikern und anderen öffentlich auftretenden Personen zu beschreiben, sondern auch das unterschiedliche Verhalten z.B. am Arbeitsplatz und zuhause.
Für das Geschehen eines Rollenspiels genügt das Theater-Gleichnis allerdings nicht. Das Publikum erfährt schließlich nicht, was der Akteur hinter den Kulissen tut. Das Geschehen hinter der Bühne wird nicht wahrgenommen und ist deshalb für das Publikum bedeutungslos.
Legt man den Blick nur auf das Bühnen-Geschehen, auf das, was innerhalb der Welt des Theaterstücks (in-game) passiert, lassen sich die Ereignisse immer noch in vordergründig und hintergründig unterscheiden. Viele Theaterfiguren verhalten sich in der fiktiven Öffentlichkeit der Bühnenumgebung anders als in einer fiktiven privaten Bühnenumgebung. Daraus gewinnt das Stück Dynamik und Konflikt, um das Publikum zu unterhalten.
Beim Rollenspiel verschmelzen die Schauspieler nicht nur mit den Figuren, sondern auch mit dem Publikum. Was die Spieler nicht wahrnehmen, nimmt also niemand wahr. Wenn ein Spielleiter die Spieler erfolgreich täuscht, besteht der Unterschied zwischen in-game-Wahrheit und in-game-Lüge nur in seinem Kopf. Die Spieler haben keine Möglichkeit, ihn der Lüge zu überführen. Aus der gelungenen Täuschung kann daher weder Dynamik, noch Konflikt entstehen. Was nicht angezweifelt wird, ist Spielrealität.

Eine gelungene Täuschung dauerhaft aufrecht zu erhalten, hat keinen Nutzen für das Spiel. Unterhaltsam wird es erst, wenn die Spieler wahrnehmen, dass ihre Charaktere getäuscht wurden. Dann kann sich das Spiel darum entwickeln, wie die Charaktere auf Basis der Täuschung “falsch” handeln bzw. wie sie die Lügen aufdecken.
Die Spieler müssen nicht zwingend sofort erkennen, dass ihre Charaktere getäuscht wurden. Wenn die Zeitspanne zwischen Täuschung und Erkenntnis allerdings zu lang wird, können sich manche Spieler betrogen fühlen. Spielfilme, die dem Zuschauer eine wesentliche Information bis zum Ende vorenthalten und dadurch rückwirkend das ganze Geschehen auf den Kopf stellen (z.B. Sixt Sense), lösen unterschiedlichste Reaktionen von Begeisterung bis Ablehnung aus. Unproblematisch sind dagegen Täuschungen, die dem Zuschauer auffallen, ohne dass er die Absicht oder die Hintergründe versteht. Nicht nur eine Vielzahl von Kriminalgeschichten basiert auf dem Konzept, wichtige Details Stück für Stück zu enthüllen.

Wenn ich Spieler täusche, dosiere ich dies sehr vorsichtig und passe es auf die teilnehmenden Persönlichkeiten an. Charaktere täusche ich hingegen gern und regelmäßig, um dem Spielverlauf zusätzliche Impulse zu geben.