Es begab sich also zu einer Zeit, da ich noch Zivildienstleister war und vom Verlagswesen kaum eine Ahnung hatte. Die Neunziger hatten schon Fahrt aufgenommen und PCs verdrängten die Commodores, Ataris und Schneiders aus den Spielzimmern. Ich hatte ein paar Geschichten veröffentlicht, meist in sogenannten Fanzines, die mit einer Auflage von 30 bis 300 Exemplaren im Copyshop erstellt und oft gegen Einsendung von Briefmarken verkauft wurden.
Mein zweites großes Hobby war das Rollenspiel, in erster Linie Das Schwarze Auge. Seit der ersten Version hatte ich mich intensiv durch Aventurien bewegt, akzeptiert, dass halbintelligente Riesenaffen in einem Tempel auf eine Filmrolle warten können und dass ein Zauberer ein Raumschiff hat, das beinahe eine atomare Katastrophe ausgelöst hätte.
Nichts lag näher als anzunehmen, dergleichen könne ich auch schreiben bzw. besser noch: ich würde einen Roman daraus machen. Also schrieb ich die ersten zwanzig Seiten und schickte sie zusammen mit einem Konzept für den Rest des Romans an Ulrich Kiesow. Von der bereits geplanten Romanreihe bei Heyne war noch kein Wort an die Öffentlichkeit gedrungen. Ich hatte einfach Glück, im richtigen Augenblick einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Ich schreibe also bin ich
Um eine lange Geschichte kurz zu halten: Ich beendete meinen Zivildienst und statt das geplante Praktikum im Buchhandel anzutreten, habe ich einige Wochen Vollzeit an meinem Roman gearbeitet. Im ersten Halbjahr 1995 erschien dann "Die Zeit der Gräber". Als offizieller DSA-Roman. Im Heyne-Verlag. In praktisch jeder Fantasy-Abteilung des deutschen Buchhandels. Und inzwischen war ich auch mit Sciencefiction im Computermagazin c't untergekommen. Der Sprung von 30 zu 300.000 Lesern und mehr war überwältigend. Rückblickend erstaunt mich, dass ich überhaupt noch eine Ausbildung begonnen habe und mich nicht komplett ins Abenteuer Autor geworfen habe.Vielleicht trugen aber auch die Vertragskonditionen des DSA-Romans zur Bodenhaftung bei. Das Buch kostete damals 12,80 DM - davon erhielt ich anfangs ca. 33 Pfennig. Der Vorschuss von 5.000 DM war eine üppige Summe für einen Azubi, aber ich wusste auch, wieviel Zeit ich dafür investiert hatte. Außerdem erschienen die Romane zwar bei Heyne, aber meine Vertragspartner waren die Erfinder von DSA. Zuerst rechnete Heyne mit ihnen ab und zahlte aus, davon wurde dann mein Honorar errechnet. Auch wenn das sicher kein repräsentatives Modell für das ganze deutsche Verlagswesen war, lernte ich doch schnell, auf Geld warten zu müssen.
In dieser Mischung aus Größenwahn, Gier und Gereiztheit schrieb ich also den nächsten Roman und wollte diese Erfahrung nicht wiederholen. Mein Plan sah vor, einen der großen Verlage ohne Bezug auf ein Rollenspiel zu begeistern. Schließlich hatten Zehntausende meinen Roman gekauft - die würden auch den nächsten kaufen. Selbstüberschätzung ist ein tolles Gefühl, solange es nicht mit der Wirklichkeit konfrontiert wird.
Das Internet macht's möglich
Meine Bemühungen um Heyne, Goldmann und andere Verlage waren alle sehr angenehm. Man sprach mit mir. Aber man sah (deutlicher als ich) den Beitrag den Das Schwarze Auge zum Erfolg von "Die Zeit der Gräber" beigesteuert hatte. Das war ein Rückschlag für meine Planung, doch keine Delle für meinen Selbstwert. Inzwischen gab es Internet, PDFs und eine abgeschlossene Verlagsausbildung. Die Zukunft des Lesens war ohnehin elektronisch. "Wilde Jagd" erschien 1999 als eines der ersten deutschsprachigen e-Books. Hardware für komfortables Lesen gab es noch nicht. Ein Rezensent bemängelt noch, dass er das e-Book nicht mit ins Bett nehmen kann, "ohne daß einem das Papier um die Ohren fliegt oder der Monitor schmerzhaft auf die Weichteile drückt". Laptops sollten erst später bezahlbar werden.Von dieser ersten e-Book-Ausgabe verkaufte ich etwa 100 Exemplare. Angesichts der technischen Ausstattung der Zeit ein Erfolg, aber dann doch ein Dämpfer für meine Zukunftspläne. Immerhin verdiente ich pro Exemplar nun 4 DM. Pro Stück war das mehr als das Zehnfache des DSA-Honorars; in der Summe leider nur ein Zehntel.
Ich suchte mir einen Kleinverlag, damit "Wilde Jagd" schließlich doch gedruckt erschien. Hier sollte ich ca. 1,50 DM pro Buch verdienen. Allerdings kam es nie zu einer Auszahlung - der Verlag ging bankrott. Der höhere Honorarsatz hilft dann auch nicht. Umgetrieben hat mich das nicht mehr. Inzwischen war ich festangestellt in einem Verlag. Meine Vorstellungen vom Veröffentlichen, von Reichtum und Weltruhm waren realistischer geworden und zusätzliche Einkünfte weniger wichtig.
Der zweite Druck von "Wilde Jagd" war eher zum Spaß. Die aktuelle e-Book-Ausgabe als Kindle ebenfalls. Allerdings ist Amazon der erste Geschäftspartner, der gleichzeitig hohe Honorarsätze abrechnet, kleine Projekte annimmt, potenziell große Nutzerkreise erreicht und regelmäßig ohne Aufforderung zahlt. Das müssen die traditionellen Verlage erst einmal nachmachen.
So, Thomas. Frage beantwortet?









